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29
März
Autor:
Josephine Dinkelbach
Allgemein

Personalmangel in der Pflege: Ein gesellschaftliches Problem

Abstract: Aus der (leeren) Anerkennung des letzten Jahres für die Pflegekräfte müssen endlich erfolgreiche politische Maßnahmen entstehen. Ansonsten wird der Personalmangel in der Pflege ein unüberschaubares Problem. Der Unmut wird immer größer – vor allem während der Pandemie. Hier gucken wir auf aktuelle Zahlen in der Pflege, in der Abbruchquote und beleuchten Gründe für Unzufriedenheit, Überlastung und Berufsausstiegen. Was kostet den Arbeitgeber eine nicht besetzte Stelle in der Pflege? Welche Kritik wird an den Gesetzesinitiativen der KAP geübt? Was können Arbeitnehmer: innen tun? Und: Wie können Arbeitgeber einen attraktiven Arbeitsplatz schaffen, der neue Bewerber: innen anlockt und vor allem langjährige Fachkräfte im Betrieb hält?  

Es herrscht Mangel in Deutschland. Mangel in der Pflege. Und das nicht an denjenigen, die diese Pflege benötigen. Es fehlen diejenigen Fachkräfte, die sich der Kranken- und Altenpflege annehmen und widmen.  Doch damit wird hier an dieser Stelle nichts Neues erzählt. Denn der Personalmangel in der Pflege ist, wie man so schön sagt, ein alter, schon lange Jahre existierender Hut. Er kommt immer wieder kurz in Mode und ist Teil hitziger Diskussionen. Bis ein neuerer Hut ihn wieder in den Schatten stellt. Und hier hinkt der Vergleich, denn mit einem anderen Hut kann man gut leben. Ohne genügend Pflegepersonal steuert unsere Gesellschaft hingegen auf ein immer größer werdendes Problem zu. Beziehungsweise auf ein immer älter werdendes Problem.

Die glänzende Seite der Medaille: Anerkennung und Applaus?  

Nur gute Neuigkeiten: Zu den Top Ten der vertrauenswürdigsten Berufe gehören, laut der Studie „Trust in Professions 2018“ der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung, auch Pflegekräfte. 95% der Befragten haben Vertrauen in diese. In einem Artikel aus dem Januar 2020 schrieb der Spiegel: „Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2020 zum Jahr der Pflegekräfte und Hebammen erklärt. Ihnen soll besondere Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteilwerden“. Und es sollte ein Jahr der Aufmerksamkeit und Anerkennung werden. Nur anders als sich die WHO und auch die Welt es sich wohl vorstellte. Die Pandemie rollte über das Land und Pflegekräfte waren und sind immer noch bis in die letzten Kraftreserven hinein gefordert. Das Jahr der Hebammen und Pflegekräfte wird laut dem WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Henri P. Kluge, auch im Jahr 2021 fortgesetzt, „um den `unermüdlichen Einsatz´ der Beschäftigten im Gesundheitswesen während der COVID-19-Pandemie zu würdigen“ (bibliomed-pflege.de)  

„Man kann trefflich darüber streiten, ob Investmentbanken ‚systemrelevant‘, also für das Funktionieren und Überleben einer Gesellschaft unverzichtbar sind […]. Unstrittig ist dagegen, dass es wirklich systemrelevante Berufe gibt, auf die eine Gesellschaft nicht verzichten kann, weil sie existenziell notwendige Funktionen im Bereich der Daseinsvorsorge und (Über-)Lebenssicherung erfüllen und damit eine conditio sine qua non für die Existenz und den Fortbestand jeder menschlichen Gesellschaft darstellen. Dazu zählt […] die Pflege“.

Jacob in Breinbauer, 2020: 5

Und so war der alte Hut der Pflege nunmehr wieder in der Aufmerksamkeit der Gesellschaft. Es wurde laut applaudiert und die Pflegekräfte als systemrelevant und ungemein wichtig erklärt. Eine späte Erleuchtung. Doch ein bloßes Klatschen, diskutierte Corona-Boni oder #Lavendelgate bringen den Pflegekräften herzlich wenig, wenn der Nachhall des Applaudierens schnell wieder verblasst. 

Aus dieser Anerkennung heraus müssen unbedingt aktive und effektive politische Maßnahmen entstehen

Eine angekündigte und verschobene Reform der Pflegeversicherung oder Änderungen bei den kommenden Mindestlöhnen für qualifizierte Pflegehilfskräfte und Pflegefachkräfte sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. 

Dabei sind 2020 einige Gesetzesinitiativen in Kraft getreten, die die Pflege u.a. mit einer Generalistikausbildung, einem Tarifvertrag für die Altenpflege und einem Fachkräfteeinwanderungsgesetz stärken und aufbauen sollen. Doch angesichts der enormen Belastung während der Pandemie wird der Unmut immer größer. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, wird in der Rheinischen Post mit den Worten zitiert: „Schon jetzt gibt es sehr großes Unverständnis, dass aus der Anerkennung bisher zu wenige nachhaltige Taten erwachsen“. Er nähme eine Stimmung wahr, wonach Pflegekräfte die Pandemie noch durchhalten wollen, dann sich jedoch einen anderen Job suchen möchten. Viele können und wollen nicht das Ende der Pandemie abwarten. Denn schon jetzt hat Deutschland Tausende Pflegekräfte in der Pflege und in Krankenhäusern verloren.

Die Häusliche Pflege berichtet im März 2021 von einer Datenabfrage der Linken-Bundestagsfraktion bei der Bundesagentur für Arbeit. Diese ergab, dass die Zahl der Pflegebeschäftigten zwischen Anfang April und Ende Juli 2020 um mehr als 9.000 zurückging. Jede Pflegekraft die sich gegen den Beruf entscheidet ist eine wertvolle Fachkraft zu viel. Denn tatsächlich stiegen die Beschäftigtenzahlen leicht in der Pflegebranche vor der Pandemie. Doch das Coronavirus(-Jahr) hat diesem Trend anscheinend besser werdenden Ruf des Berufes wieder eine Grube gegraben. Wer fällt kann wieder aufstehen und auch ein Ruf kann sich schnell wieder erholen – wenn nur aktiv daran gearbeitet wird.  

Die trübe, andere Medaillenseite: Von dem was ist und von dem was kommen wird 

Aktuell arbeiten in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen in der Pflege. Sie versorgen 3,7 Millionen Pflegebedürftige. Schon jetzt fehlen über 120 000 PflegekräfteHinzu kommt das angesprochene „immer älter werdende Problem“: Die Bevölkerung wird immer älter, schrumpft jedoch gleichzeitig, wie die niedrigen Geburtenraten zeigen. Durchschnittlich sind 20,3 Prozent der Menschen in der EU-Staaten älter als 65. Deutschland liegt hierbei ganz oben: Mit 21,5 Prozent lebt hier eine der ältesten Bevölkerungen der EU (Ärztezeitung, 2021).   

Rund 4,6 Millionen Pflegebedürftige sollen im Jahr 2030 existieren und sich bis 2050 noch einmal verdoppeln. Wenn sich der gleichzeitige Rückgang an Pflegekräften nicht erholt, wird es zu einer Personallücke von bis zu 500.000 kommen. Um den Rückgang zu stoppen sind nicht nur kurzfristige Taten erforderlich. Es sind die langfristigen und vor allem nachhaltigen Maßnahmen, die den Beruf der Pflege stärken, erhalten und in erster Linie wieder attraktiv gestalten können.  

Junge Menschen müssen den Beruf mit einem sicheren Gefühl ergreifen können.

Mit der Sicherheit auf ein erfülltes und finanziell sicheres Berufsleben. Mit dem Wissen, dass das wofür sie sich entscheiden mit der sozialen und finanziellen Anerkennung respektiert wird, die diesem Berufszweig für die wichtige Arbeit gebührt. Bisher kann jedoch nur über ernüchternde Zahlen in der Zukunft der Pflege gesprochen werden. 21 Prozent der Jugendlichen können sich zwar vorstellen, in der Pflege zu arbeiten. Nur 4 % seien laut Westerfellhaus jedoch ernsthaft daran interessiert. Die Abbruchquote ist hoch: Rund 30 % in der Gesundheits- und Krankenpflege.  

Immer mehr Stimmen werden laut, dass die Abbruchquote seit dem Ausbruch der Pandemie noch höher zu werden droht. „Ich werde leider viel zu oft mit Aussagen von Pflegeschülern konfrontiert, dass sie wie ausgebildetes Personal arbeiten müssen. Das darf nicht sein. Wir vergraulen sonst unsere Zukunft, indem wir sie heillos überfordern“, so der Pflegeexperte Franz Wagner, Sprecher der Bundespflegekammer und Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR). „Man muss die Pflegeschüler dort abholen, wo sie stehen und ihnen nicht noch weitere Last und Verantwortung aufbürden, indem man sie wie eine bereits ausgebildete Pflegefachperson einsetzt“, gibt Wagner weiter zu bedenken (pflegeberufekammer-sh.de)  

Immer mehr Pflegekräfte ziehen einen Berufsausstieg in Betracht  

Die Fluktuation junger Arbeitskräfte ist ebenso hoch. Denn viele Berufseinsteiger können und wollen sich nicht auf Dauer der hohen Arbeitsbelastung stellen und sind mit dem dafür sehr geringen Lohn unzufrieden. Das was man gibt und das was man dafür zurückbekommt gleicht sich schon lange nicht mehr aus.  

 „Wenn es jetzt nicht ein klares Signal gibt, dass sich etwas ändert an Tarifen und Löhnen sowie an den Arbeitsbedingungen, können wir nach der Pandemie in die Situation kommen, dass wir nicht über zusätzliche Auszubildende sprechen, sondern über eine weitere Abwanderung von Personal. Das wäre fatal“, so Westerfellhaus. „Wir haben nicht nur bereits zu wenige Pflegekräfte, unter den aktuellen Umständen sind vor allem auch viele von ihnen nicht mehr bereit oder in der Lage, Vollzeit in diesem Beruf zu arbeiten“, sagte er. Doch aktuell sieht es keineswegs nach einem flächendeckenden Tarifvertrag aus – ganz im Gegenteil. 

Und wenn schon bereits lange in dem Beruf arbeitende Pfleger:innen sich keinen Vollzeitjob mehr vorstellen können, wie sollen dann viele Berufseinsteiger die Motivation und das Interesse aufbringen ihr Glück in diesem Berufsfeld zu finden? 18,5% der Pflegenden in Deutschland zögen es monatlich, laut der NEXT-Studie, in Betracht aus dem Pflegeberuf auszusteigen. Gründe für einen Ausstieg oder ein Kürzertreten finden sich in der emotionalen und körperlichen Belastung, der fehlenden Perspektive auf persönliche Weiterentwicklung, der schlechten Bezahlung, der mangelnden Zeit für die Patienten und einer daraus folgenden Überlastung. Eine persönliche Bindung zum Beruf der Pflege und ein hohes Maß an Engagement halten viele Fachkräfte noch in einer Teilzeitstelle, anstatt den Beruf ganz aufzugeben. Doch so kann es nicht Jahr um Jahr weitergehen.  

Das Angebot an Nachwuchskräften wird weiter sinken und der Konkurrenzkampf um Auszubildende und qualifizierte Fachkräfte steigen. 

Wer hält die Jugendlichen davon ab, sich zukünftig immer mehr für andere Branchen zu entscheiden?  

Pflegekräfte und Pflegebedürftige leiden unter dem Personalmangel  

Der Beruf der Pflege ist systemrelevant. Was heißt das? Diese Berufsgruppe erfüllt existentielle Aufgaben, die für das Funktionieren einer Gesellschaft unverzichtbar sind. Würden sie ihre Arbeit niederlegen, wäre das eine Katastrophe für Millionen von pflegebedürftigen Menschen. Auch aus diesem Grund sind sie ständig verfügbar und einsatzbereit. Eine große Verantwortung und gleichzeitig ein großer physischer und psychischer Druck, der auf den Schultern der Pflegekräfte liegt.  

In der Konsequenz des Personalmangels, häuft sich die Arbeit für das vorhandene Personal. Dies führt zu wachsendem Zeitdruck und Zeitmangel. Darunter müssen nicht nur die Mitarbeiter leiden, sondern natürlich auch die Klient:innen und Pflegebedürftigen, die vielleicht nicht die Aufmerksamkeit und vor allem die Pflegequalität erhalten können, die sie benötigen würden.  

„Die Frage muss erlaubt sein, wie das Versprechen von einer bedürfnisorientierten, menschenwürdigen Pflege sowie von besser unterstützten pflegenden Angehörigen zukünftig eingelöst werden soll“, stellt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP), fest. Es muss eines der wichtigsten Bestreben sein die Patientensicherheit auch in den kommenden Jahrzehnten aufrechtzuerhalten und im besten Fall verbessern zu können.  

Eine freie Pflegestelle kostet den Arbeitgeber mehr als ein Jahresgehalt einer Pflegekraft 

Hand in Hand mit der zeitlichen steigt die psychische, körperliche und emotionale Belastung auf beiden Seiten. Auch privat und finanziell müssen Pflegekräfte Abstriche in Kauf nehmen. Das Familienleben muss aufgrund des Personalmangels und der hohen Einspannung zurückgestellt werden. Die hohe körperliche und seelische Belastung kann zu gesundheitlichen Problemen bis hin zu Burnout führen. Vor allem die Pandemie hat den Unmut noch einmal hochkochen lassen.  

88% der Befragten einer aktuellen Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg haben angegeben mehr Arbeit als üblich durch Corona zu haben. 70% gaben an in einem Konflikt zwischen der beruflichen Aufgabe und der Angst vor einer Ansteckung zu sein. Und unglaubliche 17% haben keine Motivation und keine Kraft mehr für ihren Beruf.  

Das heißt jede sechste Fachkraft überlegt ihren Beruf niederzulegen oder wenigstens kürzer zu treten. 

Viele Pfleger:innen entscheiden sich deshalb erst einmal für eine Zurückstufung in eine Teilzeitstelle oder wechseln ihren Beruf vollständig. Um diese offene Stelle wieder neu mit einer Fachkraft zu besetzen dauert es laut dem Bundesgesundheitsministerium durchschnittlich 174 Tage. Zu wenige besitzen die geeignete Qualifikation. In der Altenpflege ist es noch höher. Gemeldete Stellenangebote seien im Bundesdurchschnitt 205 Tage unbesetzt.  

Und das bringt auch eine finanzielle Sichtweise mit: Bei einer Fachkräftestelle, die im Schnitt 174 Tage unbesetzt ist, muss der Arbeitgeber auf rund 50.112 EUR Umsatz verzichten. Bei der Altenpflege mit 205 Tagen sind es um die 38.937 EUR. Diese unbesetzten Stellen kosten den Arbeitgeber mehr als ein Mitarbeiter im Jahr verdient. Dabei darf nicht vergessen werden, dass nicht nur eine Stelle, sondern viele Stellen gleichzeitig unbesetzt sind und die Kosten dadurch ins Unermessliche steigen können. Denn auch gesamtwirtschaftlich haben diese Summen große Auswirkungen. Und das Wichtigste: Hinter jeder nicht unbesetzten Stelle stehen minder-/unversorgte Klient:innen. 

Das Berufsbild und die Anforderungen an die Beschäftigten müssen sich unbedingt weiterentwickeln und den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen anpassen. Arbeitsbedingungen, Arbeitsbelastung und die Vergütung müssen sich einpendeln und ein ausgeglichenes Arbeiten und Leben ermöglichen. Nur so wird der Pflegeberuf wieder für junge Menschen attraktiv, die den Personalmangel und auch die dadurch (gesellschaftlich) entstehenden Mehrkosten wieder beheben können.  

Mehr Personal, Geld, Ausbildung, Verantwortung & Digitales – Das versprach die KAP um dem Personalmangel entgegenzuwirken.  

Um den Pflegenotstand entgegen zu wirken sind 2020 einige, bereits angesprochene, Gesetze in Kraft getreten, die Arbeitsminister Heil, Familienministerin Giffey und Gesundheitsminister Spahn zusammen auf den Weg gebracht haben.  

Da wäre zum Beispiel die Generalistikausbildung. Die separaten Ausbildungen der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege werden hier zusammengelegt, sodass der Abschluss „Pflegefachmann“ und „Pflegefachfrau“ entsteht. Diese soll eine breitere berufliche Aufstellung und Einsatzmöglichkeit schaffen. Doch ob diese wirklich Vorteile und Erleichterung bringt bleibt trotzdem abzuwarten. Viele Experten betrachten diese sehr kritisch.

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz soll ausländischen Pflegekräften die Arbeit in und Einreise nach Deutschland erleichtern. Das Gesetz für bessere Löhne schafft verbindliche Lohnuntergrenzen. Des Weiteren soll bundesweit nach Tarif bezahlt werden. 

Die drei Minister:innen legen in ihrem Umsetzungsbericht zur Konzertierten Aktion Pflege (KAP) weitere Ergebnisse und Ziele vor, die die kommenden Jahre erreicht werden sollen. Der Bericht fasst die Ergebnisse unter den Punkten „Mehr Personal, Geld, Ausbildung, Verantwortung und Digitales“ zusammen. Die ehrgeizigen Ziele können hier genau nachgelesen werden.  

Experten räumen Kritik ein und sehen noch keine wahrnehmbaren Verbesserungen nach der Einführung der neuen Gesetze.

Der Pflegeexperte Claus Fussek spricht mit dem Spiegel über seine diesbezüglichen Sorgen. „Die Strukturen haben sich verändert, aber an der Situation auf den Stationen hat sich nichts geändert“, sagt er. Was, wenn kein Auszubildender mehr in die Altenheime, sondern nur noch ins Krankenhaus möchte nach der Generalistikausbildung? Des Weiteren werden die Tarifverhandlungen nicht von der Bundesregierung geführt, sondern zwischen der Pflegebranche und der Gewerkschaft Verdi ausgehandelt.  

Die Pflege ist als Gewerkschaft schlecht aufgestellt und sehr wenige müssen hier für die Interessen Vieler einstehen. Der Deutsche Berufsverband der Pflegeberufe (DBfK) kritisiert an der KAP, dass viele Maßnahmen lange bekannt und erprobt seien, aber nie konsequent genug umgesetzt wurden. Immer noch sei kein ausreichender Fortschritt in den Vorhaben zur Personalbemessung in der Langzeitpflege und im Krankenhaus sowie bei einer neuen Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen zu sehen.  

Auch von der Gewerkschaft Verdi kam Kritik. Verdi Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler sagte:

Jetzt braucht es mutige und wirksame Schritte, um mehr Personal zu gewinnen und zu halten. Es geht um Menschenleben – nicht nur während der Pandemie“

(bibliomed-pflege.de)

Der Fachkräftemangel darf nicht als Ausrede für ein weiteres schleppendes Umsetzen der Maßnahmen herhalten. Bühler kritisierte weiter den Umgang mit den Ausbildungsbedingungen. Diese müssen sich in der Pflege deutlich verbessern, um Pflegefachpersonal langfristig halten zu können.  

„Gute Ausbildungsbedingungen führen zu gut ausgebildeten Fachkräften. Wenn Auszubildende hingegen als Lückenbüßer eingesetzt werden, um den Personalmangel zu kaschieren, bleiben sie oft nicht lange im Beruf”, warnte Bühler. 

Die Berufsgruppe der Pflege benötigt eine berufspolitische Stimme

Auch das Pflegepersonal an sich steht natürlich in der Verantwortung die Ärmel hoch zu krempeln und für sich einzustehen. Anstatt die nicht akzeptablen Arbeitsbedingungen stillschweigend hinzunehmen, müssen sie lauter werden. „Sie sind ein rares Gut. Verkaufen Sie sich nicht unter Wert“, motiviert DPR-Präsident Wagner im Ärzteblatt. „Wir müssen selbstbewusster auftreten und erklären, was wir alles leisten. Dazu gehören viele kleine Dinge, zum Beispiel Gespräche mit den Menschen oder dass wir auch einmal zuhören“. Pflegepersonal muss verstehen, dass sich nicht nur aus einer großen (politischen) Instanz heraus etwas ändern kann. Auch aus einem einzigen Unternehmen heraus kann ein Spross der Veränderung wachsen. Unser Appell an Pflegende: Gründet lokale und regionale Netzwerke, um eure Probleme und Forderungen kommunizieren und formulieren zu können. Aus diesen Netzwerken heraus können Impulse für Veränderung an die Entscheider:innen herangetragen werden. Nach dem typischen Pyramiden-Modell gedacht, gehen die meisten Veränderungen aus der unteren Masse hervor. Einige mutige Menschen klettern mit ihren Stimmen und Zielen aus der Masse heraus und wenden sich an die Entscheider:innen der nächsten Stufe. So geht es weiter bis das Problem, durch einen Dominoeffekt, bis an die Spitze der Pyramide herangetragen wurde – in diesem Fall wahrscheinlich die Politik, die nun über eine Gesetzesänderung oder Neuauflage diskutieren kann. Was wir damit vermitteln möchten? Selbst der einzelne “kleine” Mensch, ohne große politische Wirkkraft, kann mit seiner Idee etwas bewirken. Wenn er oder sie aktiv wird und seine Probleme, Wünsche und Forderungen formuliert bzw. Lösungsansätze erarbeitet. Doch um als gesamtes Pflege-Kollektiv lauter werden zu können wäre ein Punkt besonders wichtig: Eine berufspolitische Instanz, die die Berufsgruppe, ihre Interessen und Sorgen vertritt.  

Die Gründung einer Pflegekammer in Niedersachsen wurde vielstimmig abgelehnt. Unter anderem aufgrund schlechter Kommunikation über die Ziele und Tätigkeiten der Kammer und Zwangsmitgliedsbeiträge. Dabei wäre dies im Großen und Ganzen eine chancenreiche Möglichkeit zur Professionalisierung der Berufsgruppe in Niedersachsen gewesen. 

Doch die Branche der Pflege kann auf Dauer nicht ohne diese berufspolitische Stimme ausharren. Denn ohne ein Gremium oder eine Instanz, die sich für sie einsetzt, werden sie weiterhin nicht oder nur leise gehört werden.  

Viele vergessen zu oft, dass jeder Einzelne einmal in irgendeiner Art und Weise auf Pflege angewiesen sein wird. Pflege geht alle, die in dieser Gesellschaft leben etwas an. Deshalb sollte auch jeder an der Sicherstellung einer guten Pflegeversorgung interessiert sein. So wie die Pflegenden sich für die Gesellschaft ethisch und moralisch verantwortlich fühlen, muss sich nicht auch die Gesellschaft für die Pflegenden verantwortlich fühlen?  

Ein reibungsloses System kann nur dann funktionieren, wenn keiner alleine im Regen stehen gelassen wird. Und so ist der Personalmangel nicht nur eine Angelegenheit der Pflegebranche, sondern ein gesellschaftliches, systemrelevantes Problem. Das neue, durch die Pandemie hervorgebrachte, Bewusstsein für die Bedeutung der Pflegekräfte hat das Potential viel in den Köpfen und den Gesetzeslagen zu bewirken. Die kritischen und innovativen Stimmen müssen nur laut bleiben. 

Fachkräfte finden und halten: Was können Arbeitgeber tun?   

Wenn wir die gesamtgesellschaftliche Situation (noch) nicht ändern können, so liegt die die Antwort letztlich nahe: Je attraktiver und fairer die Arbeitsbedingungen in einem Unternehmen sind, desto länger bleiben Arbeitskräfte im Unternehmen oder entscheiden sich für eine Stelle in diesem Betrieb. Sie als Betrieb müssen den Anspruch haben: Wir möchten uns von unseren Konkurrenten abheben und besser sein als alle anderen Einrichtungen. Leichter gesagt und verstanden als praktisch umgesetzt. Doch die Hinterfragung der eigenen Unternehmens- und Personalführung und die Einsicht, dass sich etwas ändern und verbessern muss, ist der Anfang jeden großen Schrittes.  

Fragen Sie sich: Was machen wir besser als der Arbeitgeber nebenan? Was können wir den Pflegekräften bieten, um ihnen ein angenehmes und erfülltes Arbeitsleben zu bieten? Finanzielle Sicherheit und ein unbefristeter Arbeitsvertrag sind natürlich zwei der wichtigsten Punkte. Doch bei der Gestaltung eines attraktiven Arbeitsplatzes sollte der Arbeitgeber nicht nur in monetärer Hinsicht etwas verändern. Ein funktionierendes Arbeitszeitmodell mit sicheren Dienstplänen, einem entlastenden Schichtsystem und Sonderleistungen sind ebenso wichtig für einen zufriedenen Arbeitnehmer. Auch der Teamzusammenhalt darf auf keinen Fall unterschätzt werden.  

Arbeitnehmer:innen verbringen einen enormen Zeitraum ihres Lebens innerhalb des Arbeitsplatzes und inmitten ihrer Teamkollegen. Deshalb ist es von enormer Bedeutung, dass Maßnahmen zum Team Building und für gute interne Kommunikation getroffen werden. Ein Zusammenhalt innerhalb des Teams hält die Stimmung und die Zufriedenheit. Keiner möchte an einem Ort arbeiten an dem er sich nicht in seinem sozialen Umfeld wohl und geschätzt fühlt. Die Schaffung guter Arbeitsbedingungen kann Abbruchquoten vermeiden, Mitarbeiter:innen an ihr Unternehmen binden und auch neue Fachkräfte anziehen. 

Dafür ist es jedoch wichtig, dass Sie ihre positive Mitarbeiterpolitik auch nach außen kommunizieren und insbesondere auch belegen. 

Dann ist besonders Ihr Online-Auftritt von Bedeutung, da sich Auszubildende und Jobsuchende vor allem im Internet über Stellen informieren. Dies zeigen die Erfahrung und Studien. Zeigen Sie ihnen bereits auf Ihrer Website, in der Stellenausschreibung und auf sozialen Netzwerken welche Vorteile Ihr Unternehmen ihnen bietet. Bewerben Sie Ihre gute Personalplanung, Ihre Sonder- und Mehrleistungen, Ihr positives Betriebsklima und auch die möglichen Aufstiegs- und Führungschancen. All diese Maßnahmen, die Sie in Ihrer Einrichtung umsetzen und verbessern könnten, haben langfristigen Effekt auf den zukünftigen Erfolg in ihrem Betrieb.  

Sobald Sie sich um eine gute Struktur im Unternehmen gekümmert haben, kann noch ein zusätzlicher und sehr wichtiger Schritt gegangen werden: Wagen Sie den Schritt ins Kommunale. Was das heißt? Hören Sie sich die Probleme und Vorschläge ihrer Mitarbeiter:innen an und geben Sie ihnen das Gefühl, dass Sie sie in Verantwortung nehmen und ihre Stimme Ihnen wichtig ist. Denken Sie nicht im alten Pathos: “Chef ist Chef. Alle unter mir haben nichts zu sagen und auch keine intelligenten Anregungen”. Manchmal findet sich für ein Problem eine interne Lösung. Doch manchmal gibt es diese interne (kurzfristige) Lösung eben nicht und es braucht neue Ansätze und Kreativität. Also vielleicht den Schritt ins Kommunale. Setzen Sie sich zum Beispiel mit den Landräten oder dem Bürgermeister zusammen, um über lokale Veränderungen oder Digitalisierung in der Pflege zu sprechen. Wir raten Unternehmen außerdem dazu auch auf soziale Innovation zu setzen. Das heißt unter anderem den Angestellten oder Auszubildenden Unterstützung anzubieten, sie berufspolitisch zu bilden oder Anreize für Weiterbildungen und Netzwerkbildungen zu schaffen. Investieren Sie in Forschung und Entwicklung innerhalb des eigenen Unternehmens. Heben Sie ihr Unternehmen hinsichtlich der Personalpolitik und der Digitalisierung auf die nächste Stufe. Wir beraten Sie hierzu gerne weiterführend.

Etablieren Sie sich als Arbeitgeber mit einem guten Ruf und einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit und tun dies kund, so wird, zumindest bei Ihnen, die Personalmangel-Problematik immer mehr in den Hintergrund rücken und letztendlich kein Problem mehr sein. Sobald Sie sich auch kommunal und politisch einsetzen, tragen Sie dazu bei, dass Personalmangel erst lokal und dann letztendlich überregional kein Thema mehr sein wird.

Doch hierfür ist noch ein langer Weg zu gehen. Doch die Mühen lohnen sich, um den alten Hut der Pflege endlich in ein angesagtes und gefragtes Thema zu verwandeln.