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02
August
Autor:
Josephine Dinkelbach
Allgemein

Die Wissenschaft zieht in die Pflege im Nordwesten ein

Interview mit Dr. Julia Gockel

Interessierst du dich für Fortschritte in der Pflegewissenschaft? Dann mach dich bereit für einen sehr großen Schritt in die Professionalisierung und auch Akademisierung der Pflege. Oder: Bist du bereits in der Pflege tätig und möchtest den Sprung auf eine wissenschaftliche Ebene wagen? Dann gilt es jetzt die Ohren zu spitzen beziehungsweise eher ganz genau zu lesen.

Vorbereitungen auf Hochtouren: Ein Pflegemaster zieht in die Region ein 

Wir sind auf ein spannendes und zukunftsträchtiges Projekt an der Uni Oldenburg aufmerksam geworden, haben gleich den Kontakt zur Ansprechpartnerin gesucht und auch gefunden. Vor Kurzem trafen wir uns zu einem Interview mit Dr. Julia Gockel. Als Referentin ist sie verantwortlich für die Entwicklung des geplanten und (voraussichtlich) zum WiSe 2024/2025 startenden Masterstudienganges Pflege – Advanced Nursing Practice.

Dr. Julia Gockel ist promovierte Diplom-Biologin, war von 2015 bis 2020 tätig als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Verbundprojekt Aufbau berufsbegleitender Studiengänge in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften (»PuG«) und ist derzeit Mitarbeiterin im BMBF-Projekt Pflegeinnovationszentrum PIZ.  Ihre Schwerpunkte sind die Konzeption und Implementierung berufsbegleitender, wettbewerbsfähiger sowie wissenschafts- und forschungsnaher Studienangebote mit dem Ziel den wachsenden Bedarf akademisch gebildeter Fachkräfte in den Pflege- und Gesundheitsberufen zu decken.

Ein Master für die evidenzbasierte Patientenversorgung

„Ich glaube, dass es kaum einen komplexer organisierten Bereich in Deutschland gibt als den Gesundheitsbereich“, meint Frau Gockel. „Die Folgen dieser Komplexität fallen uns gehörig auf die Füße – das wird vor allem sichtbar in der Pandemie“. Es bedarf einer Revolutionierung und Umkrempelung des Gesundheits- und Pflegekontextes. „Doch ohne Qualifizierung der Pflegenden und entsprechende digitale Tools für die Pflege geht das nicht“, spricht Frau Gockel das Offensichtliche aus. Das muss der Gesellschaft und allen Akteuren im Gesundheitsbereich unbedingt klar werden. „Pflege muss attraktiv bleiben für erfahrende Fachkräfte und wieder attraktiv werden für junge Leute“. Diese sollen, so wünscht es sich Frau Gockel und auch bestimmt alle hier Lesenden, zukünftig wieder vermehrt in der Pflege ihren festen beruflichen Platz finden, statt nach der Ausbildung weiter z.B. in ein Medizinstudium zu gehen. „Die Pflege muss sich selbst als Profession begreifen, ein Verständnis für die Evidenzbasierung entwickeln und lernen sich selbst zu organisieren, vor allem politisch“, fährt sie fort. Evidenzbasiert in der Pflege arbeiten heißt wissenschaftliche Erkenntnisse für die Pflegepraxis nutzbar zu machen, um somit lösungsorientiert eine Verbesserung zu erzielen. Klingt logisch. Ist ja in den meisten Professionen Gang und Gäbe. Doch die Pflegewissenschaft steht als akademische Disziplin in Deutschland noch ganz am Anfang – vor allem hier in der Region Nordwest. Doch das soll und wird sich mit dem Master, der für die direkte evidenzbasierte Patientenversorgung qualifiziert, ändern. Geplanter Starttermin für den vom MWK genehmigten Studiengang ist das Wintersemester 2024/25. Voraussetzung ist jedoch die Finanzierung und Einrichtung einer wissenschaftlichen Pflegeprofessur.

Schwerpunkt Digitalisierung

Während der Entwicklungsphase des Studiengangs werden immer mal wieder einzelne Module pilotiert, um ein möglichst bedarfsorientiertes Lehrangebot bereit stellen zu können, sobald der Master an den Start geht. So wurde in diesem Sommersemester das Modul Erweiterte Pflegeinformatik angeboten und in den vergangenen Monaten auf Herz und Nieren getestet. Mit Frau Gockel sprachen wir über die Inhalte des Masters und des Moduls sowie über die Beweggründe einen solchen Pflege-Master zu entwickeln. 

Vorangegangen war eine Bedarfsanalyse die Lücken im Pflege-Bildungsangebot in der DACH-Region identifizieren sollte. Frau Gockel riss nur einige der Fragen an, die dabei im Fokus standen: 

„Was gibt es schon in diesem Bereich? Was machen andere Hochschulen in der DACH Region? Welche Inhalte finden sich dort? Was wird tatsächlich gebraucht in der Praxis? Und so sind wir letztendlich auf weiße Flecken auf der Karte gestoßen, die wir nun sehr frei bespielen können. Was sich bei uns herauskristallisiert hat, waren zweiThemenbereiche; einmal tatsächlich das Wissen um die die Grundlagen der Informatik, der Pflegeinformatik im Speziellen und dann als zweiter Bereich die tatsächliche Anwendung in der Praxis. Also: Was macht das mit dem Beruf? Nicht nur: Wie kann ich implementieren, sondern auch wie kann ich bewerten?“.

Aus diesen Erkenntnissen wurde das Modul Erweiterte Pflegeinformatik entwickelt. Die Pilotierung wurde ohne offizielle Zugangsvoraussetzungen ausgeschrieben. „Die Teilnehmer:innen benötigten noch nicht einmal einen Bachelorabschluss. Wir haben einfach breit, dennoch nur lokal, unser Angebot gestreut und gefragt wer Interesse hätte an einer Pilotierung teilzunehmen. Es meldete sich eine sehr heterogene Gruppe von Männern und Frauen aus verschiedenen Bereichen der Gesundheitsbranche, die für 12 Wochen anhand von online bereit gestellten Lehrmaterialien und Onlineseminaren das Modul testeten“, erzählt uns Frau Gockel. Aufgrund von Corona konnte es leider keine Präsenzveranstaltungen geben. Verantwortliche Dozentin war Rebecca Diekmann, die zusammen mit Prof. Dr. Andreas Hein und anderen auch die Mitautorin des eigens entwickelten Studienmaterials war. 

Das Wissenschaftsgebiet der Pflegeinformatik ist ein sehr junges & hat unserer Meinung unbedingt ein Studienangebot dieser Art verdient und nötig. Die Pflegeinformatik integriert Pflegewissenschaft, Informationswissenschaft und Analytik, um Daten, Informationen, Wissen und Erfahrung aus der Pflegepraxis zu identifizieren, zu verwalten und zu kommunizieren. So wird die American Nurses Association ANA in der Beschreibung des Moduls auf der Website zitiert. Der Alltag von Pflegenden in allen Gesundheitsbereichen wird zunehmend von Informations- und Kommunikationstechnologien geprägt werden.Ein grundlegendes, im besten Fall auch fortgeschrittenes Verständnis und dementsprechende Kompetenzenwerden immer wichtiger, um diese Werkzeuge und Methoden auch in der Praxis anwenden und mitgestalten zu können. Das Modul vermittelt ein erweitertes Grundverständnis für die im Gesundheitswesen relevanten IuK-Technologien (Information und Kommunikation) und qualifiziert auch für die fachgerechte Nutzung und Weiterentwicklung dieser IT-gestützten Systeme. In Projekten beschäftigten sich die Studierenden während der Pilotierung z.B. mit Themen wie Pflegeroboter am Beispiel des Icho Balls, der Implementierung von Patientendaten, Managementsystemen in der Intensivpflege, der Digitalisierung in der Pflege allgemein und Pflegeinformationssystemen.

„In dem Modul Erweiterte Pflege Informatik ging es wie gesagt um die Grundlagen. Erst einmal ein Gespür dafür zu bekommen, was bedeutet denn eigentlich Informationstechnologie in der Pflege? Was gehört da alles dazu? Was ist überhaupt Informationstechnologie? Was umfasst das?“. Um Pflegefachkräfte dabei zu unterstützen Technologien in der Anwendung zielgerichtet einzusetzen und die Sinnhaftigkeit zu bewerten ist für den Schwerpunkt Digitalisierung noch ein weiteres Modul geplant. Derzeitiger Arbeitstitel: Technik in der Pflegepraxis. Es geht inhaltlich dabei um die Fragen: „Wie sinnvoll ist die Anwendung dieses Instrumentes in der spezifischen Situation? Was bedeutet es, wenn diese Technik bei uns in der Einrichtung zur Anwendung kommt?“, erläutert Frau Gockel. 

Pflegende benötigen spezifische Qualifizierungen

Mit dem Schwerpunkt Digitalisierung sollen den Absolvent:innen Möglichkeiten an die Hand gegeben werden,Versorgungsprozesse nicht nur zu verstehen, sondern aktiv mitzugestalten und ihr eigenes Handeln anzupassen.Aufgrund ihrer Qualifikation werden sie zunehmend mit Informations- und Pflegetechnologien in Kontakt kommen. Wollen wir evidenzbasiertes Wissen in die Pflege integrieren, benötigen wir dafür unausweichlich die Digitalisierung. Wir, als Pflege, sind auf sie angewiesen. Aber gleichzeitig muss man natürlich alles tun, damit auch die Menschen entsprechend mitgenommen und qualifiziert werden, sodass die Pflege sich letztendlich autonom digitalisieren und qualifizieren kann. „Uns ist es zudem wichtig, dass die Digitalisierung in der Pflege als Chance erkannt wird. Viele digitalisierte Prozesse werden als lästiges Übel und reine administrative Tätigkeiten wahrgenommen. Digitalisierung ist jedoch viel mehr. Innovative Technologien sind dazu da, um das (Arbeits-)Leben leichter zu machen und die Pflege zu unterstützen“, beschwört Frau Gockel. „Ich denke nicht, dass irgendein Berufszweig umhinkommen wird sich dahingehend zu qualifizieren und dementsprechend Bildungsangebote zu schaffen. In Zukunft werden unter den Entscheider:innen zunehmend Pflegefachkräfte sitzen müssen, die beides besitzen: Eine Qualifizierung und Erfahrung im Praxisalltag der Pflege und eine Qualifizierung in der IT. Die Implementierung dieser Prozesse wird schwer werden, quasi eine OP am offenen Herzen, das wissen wir“. Der Studiengang bietet die Möglichkeit eine Grundlage, eine Basis für Innovation und technologischen Fortschritt in der Pflege zu legen. Eine aufkommende Pflegewissenschaft ist wahrscheinlich genau das, was die Lücke hin zu einer produktiven Veränderung schließen kann. Sodass die Gesundheitsbranche nicht mehr einen Schritt nach dem Fax ist, sondern mehrere große Schritte in der Zukunft. 

Oldenburg als starker Forschungsstandort der Pflege

Der Schritt in die Akademisierung der Pflege könnte außerdem mit einer Ansprache völlig neuer Zielgruppen dem Fachkräftemangel begegnen und langfristig gesehen entgegenwirken. Für alle, die sich jetzt angesprochen fühlen und ein Studium in der Pflege in Betracht ziehen würden:  Natürlich kann man nicht direkt mit einem Master beginnen. Doch auch hier bietet der Standort Oldenburg ein Bildungsangebot: Dieses Jahr startet ein berufsbegleitender Bachelor in angewandter Pflegewissenschaft an der Jade Hochschule. „Dort ist ein Konzept umgesetzt, welches wir im Rahmen des Gesundheitscampus Oldenburg anvisieren,“ erklärt Frau Gockel. „Wir wollen möglichst viele verzahnte und durchlässige Bildungsangebote im Bereich Gesundheitsversorgung/ Pflege schaffen. Hier werden zum Beispiel die Pflegeausbildung und Fachweiterbildungen angerechnet. Der Weg in der Pflege sich akademisch weiterzubilden kann sehr lang und aufwendig sein. Wir wollen im Rahmen des Gesundheitscampus Oldenburg wirklich jedem, selbst mit unterschiedlichsten Startvoraussetzungen und beruflichen Werdegängen, ein durchlässiges Bildungsangebot anbieten“. Der Gesundheitscampus Oldenburg wird getragen vom Verbund der Universität Oldenburg, der Jadehochschule und des Hanse Instituts Oldenburg. Diese Träger haben sich zusammengeschlossen, um mit diesem umfassenden Bildungskonzept die Pflege in der Region zu stärken. Um Menschen aus der Region zu fördern, die in der Pflege Fuß fassen wollen, sie auch in der Region zu halten und ein starkes Versorgungssystem aufzubauen. 

„Die Pflegewissenschaft ist ein noch weitgehend unbeackertes Feld. Wir müssen an vielen Stellschrauben gleichzeitig drehen, um sie ins Versorgungssystem zu integrieren. Doch das alles ist kein Selbstzweck. Am Ende des Tages steht der Nutzen für die Patient:innen und die Pflegenden ganz oben. Dazu benötigen wir evidenzbasierte und digitale Instrumente. Und hier haben wir doch letztendlich alle das gleiche Ziel: eine starkeprofessionelle Pflege erschaffen, in der Menschen auch zukünftig unter fairen Arbeitsbedingungen gerne arbeiten und Pflegebedürftige bestmöglichst versorgen können“. Wer sich noch weiter über den Bachelor, Master oder das im Herbst startende Pilotierungsmodul Professionalität in der Pflege informieren möchte, findet hier weitere Informationen: 

https://bit.ly/3hWRTDv