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01
November
Autor:
Josephine Dinkelbach
Allgemein

Die Pflege im Oktober 2022: Endlich Wertschätzung für Pflegefachpersonen?

Diese Themen haben uns im Rückblick mit Annemarie diesen Monat beschäftigt:

Annemarie, was waren deine Highlights im Monat Oktober?  

Ein ganz besonderes Highlight war in diesem Monat der Deutsche Pflegepreis 2022, der vom Deutschen Pflegerat an ALLE Pflegefachpersonen und Hebammen auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin ausgelobt worden ist. Damit hat der Deutsche Pflegerat erstmals diesen Preis nicht an eine Institution oder Einzelperson verliehen, sondern an die gesamte Berufsgruppe der beruflich Pflegenden. Diese Verleihung war ganz besonders außergewöhnlich, denn so ein Preis ist in dieser Form in der Bundesrepublik Deutschland noch nie ausgesprochen worden – schon gar nicht in der Pandemie. Die Politik hat ja vielmehr geklatscht, als dass sie vielleicht einen Preis an die Berufsgruppe ausgelobt hätten. Selbstverständlich gab es den Pflegebonus, den die Ampel-Koalition in den Koalitionsvertrag aufgenommen hat. Aber einen Preis in dieser Form hat es so in der Geschichte des deutschen Pflegeberufes noch nicht gegeben.  

Ein weiteres Ereignis war außerdem, dass Bundesgesundheitsminister Lauterbach „schwere Schichtdienste“ in den Krankenhäusern reduzieren möchte, um damit auf den dramatischen Personalmangel in den Kliniken zu reagieren, der sich aufgrund der Corona-Pandemie weiter verschärft hat. Der Wegfall von Nachtdiensten bezieht sich insbesondere auf die geplante Krankenhausreform und hat außerdem noch zum Ziel, die wirtschaftliche Situation der Kliniken zu verbessern – gerade vor dem Hintergrund steigender Energiekosten. 

Welchen Zusammenhang siehst du in diesen beiden Themenfeldern?  

Was diese beiden Themenfelder miteinander verbindet, ist auf jeden Fall die den Pflegefachpersonen entgegengebrachte Wertschätzung. Zum einen mit dem Pflegepreis, der noch nie an eine ganze Berufsgruppe gerichtet war und zum anderen mit einem Gesetz, das Pflegekräfte insbesondere von Nachtdiensten in Krankenhäusern befreien soll. Die Entlastung von Pflegefachpersonen wird bereits seit Jahrzehnten diskutiert, jedoch wurde bisher nie so konkret darüber diskutiert, ob Nachtdienste im Krankenhaus reduziert werden könnten, indem mehr ambulant statt stationär behandelt wird. Die Wertschätzung als solche kam in den politischen Diskursen zur Entlastung von Pflegefachpersonen eigentlich immer zu kurz. Typisch ist es für die Gesundheitspolitik, immer sehr stark auf strukturelle Entlastung mithilfe neuer Gesetze abzuzielen und dabei in den Versicherungssäulen der Krankenversicherung und der Pflegeversicherung zu bleiben.   

Aber immerhin wurden Gesetze erlassen, die dann auch geholfen haben, oder?  

Auf den ersten Blick zielten die Gesetze tatsächlich auf die Optimierung bestimmter Versorgungsstrukturen ab und eher weniger auf Anpassungen der Arbeitsbedingungen, schon gar nicht war von der Befreiung vermeintlich verzichtbarer Nachtdienste die Rede.  

Allerdings gab es bisher immer sehr verschiedene Ansätze von den bisherigen Bundesgesundheitsministern, wenn es beispielsweise um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen ging. Manchmal erwecken bestimmte Kampagnen auch den Eindruck, es ginge nur um das persönliche Marketing einzelner Politiker oder Parteien, ohne dass sie wirklich dem Aspekt der Gesundheitsförderung dienlich wären. Wir können uns zum Beispiel noch sehr gut an die Konzertierte Aktion Pflege von Herrn Spahn erinnern, es tauchten plötzlich die verschiedensten Erklärvideos aus dem Bundesgesundheitsministerium auf. Außerdem hatte sich die damalige Familienministerin Frau Giffey im Zuge der Kampagne „Mach‘ Karriere als Mensch“ eine Kurzfilmproduktion mit dem Titel „Ehrenpflegas“ ausgedacht und in diesen Kurzfilmen selbst auch eine Nebenrolle gespielt. Oder erinnern wir uns nur mal an die verschiedenen Pflegestärkungsgesetze, die unter Herrn Gröhe eingeführt worden sind. Unter anderem sind die Pflegestufen in Pflegegrade weiterentwickelt worden. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff wurde auf den Weg gebracht. Auch über die generalistische Ausbildung und das Pflegestudium wurde in den letzten zwei Legislaturperioden immer wieder gesprochen. Eine richtige Entlastung der beruflich Pflegenden hat es jedoch mit diesen ganzen Aktionen bisher nicht gegeben. Dass nun plötzlich der Wegfall von Nachtdiensten dazu verhelfen könne, die Berufsgruppe zu entlasten, ist eigentlich ein ganz neuer Aspekt, der jedoch ebenfalls wieder in den bekannten Versicherungsstrukturen, in diesem Fall der Krankenversicherung, diskutiert und entwickelt wird.  

Aber das scheint ja mit der Entlastung durch den Wegfall von Nachtdiensten schon ein ganz konkreter Vorschlag von Herrn Lauterbach zu sein. Brauchen wir solche konkreten Vorschläge oder würde es ausreichen, wenn die Bundesregierung analog zum Pflegeberufegesetz auch Arbeitsbedingungen schaffen würde, die eine größere Autonomie zur Versorgung von Patient:innen in Krankenhäusern ermöglichen könnte?  

Eigentlich kann man noch nicht mal wirklich sagen, ob der Wegfall von Nachtdiensten tatsächlich zu einer Entlastung führt, denn unter Umständen kann der pflegerische Aufwand zunehmen, wenn Patient:innen nicht unter der entsprechenden Krankenbeobachtung stehen. Zuhause kann eventuell nur die an- oder zugehörige Person beobachten oder unterstützen. Jedoch sind in den meisten Haushalten lebende Singles eher auf sich alleine gestellt, als dass sie tatsächlich über Nacht dann im Notfall eine Unterstützung anfordern könnten. Diese Diskussion der Entlastung von Pflegefachpersonen muss also eigentlich aus der Perspektive der zu behandelnden Patient:innen geführt werden. Wenn der Bedarf bisher so gewesen ist, dass die Patient:innen über Nacht im Krankenhaus zur Krankenbeobachtung bleiben mussten, kam es tatsächlich darauf an, welche Pflegefachpersonen mit welcher Erfahrung und Qualifikation im Dienst sind. Für diese Einsätze sind sogar unter Herrn Spahn die Personaluntergrenzen eingeführt worden, die u.a. den Personalschlüssel für den Nachtdienst in bestimmten Abteilungen vorgeben. Es war unter Herrn Spahn das Ziel gegeben, Personal im Klinikbereich aufzubauen. Jetzt zeichnet sich ein gegenteiliger Trend ab.  

Und was könnte der Grund für diesen gegenteiligen Effekt sein? Es sind ja schließlich zwei verschiedene Paar Schuhe, wenn man auf der einen Seite von Personalaufbau spricht und auf der anderen Seite plötzlich Personalabbau betreiben möchte.  

Ja, im Prinzip handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Ansätze. Der Personalaufbau mit dem Ansatz der Personaluntergrenzen war allerdings mit höheren Personalkosten für die Krankenhäuser verbunden. Höhere Personalkosten müssen dann von den Krankenkassen getragen werden, obwohl das Geld dafür unter Umständen nicht vorhanden ist. Jetzt verfolgt Herr Lauterbach vielmehr die Strategie, eine Entlastung der Krankenkassen durch die Reduktion von stationären „Fällen“ zu erwirken und kann dieses Vorgehen gleichzeitig damit verargumentieren, die Pflegekräfte von Nachtdiensten zu befreien. Und dann hat Herr Lauterbach sich aber immer noch nicht den eigentlichen Pflegebedarf der Patient:innen in den Kliniken angesehen. Es geht ja auch nicht darum, dass die Patient:innen einfach nach Hause geschickt werden können, denn theoretisch müssten die Pflegefachpersonen hier ein Wörtchen mitreden. Sie müssten also selbst vor Ort entscheiden, ob ein Patient/ eine Patientin aus Pflegefachlicher Perspektive auch tatsächlich nach Hause gehen kann. Hierfür würden wir allerdings andere rechtliche Grundlagen benötigen, als wir sie bisher nutzen.  

Würde dieser Ansatz der Pflegebedarfserhebung nicht auch die Bedeutung der Pflegefachpersonen wiederum hervorheben, wie das mit dem Deutschen Pflegepreis Anfang des Monats getan wurde?  

Selbstverständlich muss die Bedeutung der Pflegefachpersonen und auch ihrer Kompetenzen hervorgehoben werden. Besonders im Zuge der Gesundheitsförderung, wofür Pflegefachpersonen auch explizit ausgebildet werden, müssen die Kompetenzen sehr viel stärker in die gesundheitspolitischen Diskussionen eingebracht werden. Bisher ist das aber noch nicht ausreichend der Fall, wenn nur über die wirtschaftliche Entlastung von Krankenhäusern und im weiteren Sinne von Krankenkassen gesprochen wird. Wenn die Bedeutung von Pflegefachpersonen hinsichtlich ihrer Fachkompetenzen im deutschen Gesundheitssystem klarer wäre, dann könnten möglicherweise auch die Einsatzfelder eindeutiger definiert sein und damit auch eine eindeutigere Erhebung des Pflegebedarfs vonstatten gehen. Vielleicht würde dann nicht über den Abbau von Nachtdiensten diskutiert werden, sondern vielmehr über die akademische Weiterentwicklung des Pflegeberufes, die Handlungs- und Entscheidungsautonomie unter Berücksichtigung der Vorbehaltsaufgaben und das Streben nach Unabhängigkeit vom medizinischen Personal. Das wären aus meiner Sicht dann die echten Reformen, die wir in unserem Gesundheitssystem benötigen.  

Vielen Dank für das Interview, liebe Annemarie!  

Lies auch gerne den Blogartikel zum September. Hier sprechen wir über steigende Altersarmut bei gleichzeitig steigenden Löhnen in der Altenpflege.

Rückblick September