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30
März
Autor:
Josephine Dinkelbach
Allgemein

Die Pflege im März 2022: Personalmangel –Freistellungen und krankheitsbedingte Ausfälle

Der März 2022 ist vorüber und wir blicken mit Annemarie Fajardo zurück.

Annemarie was waren für dich die Highlights in diesem Monat und welche Auswirkungen hatten diese auf die Pflegebranche? 

„Eine Diskussion stach aus meiner Sicht wieder heraus: Die einrichtungsbezogene Impflicht und die Frage, ob diese tatsächlich vermehrt zu Berufsausstiegen führt. Ohne Umschweife bringt uns diese Diskussion darum wieder auf die unendlich erscheinende Frage um die Berufsattraktivität der Branche.“

Eine moderne, attraktive, arbeitnehmerorientierte Branche würde keinen so hohen Mitarbeiterverlust beklagen müssen angesichts einer Impflicht. 

„Ja, genau. Das knüpft an unseren Rückblick vom letzten Monat an. Im Februar hatten wir über die Aussetzung der Impflicht in Bayern gesprochen und abschließend folgende Worte gewählt: 

Der Schutz der vulnerablen Patientengruppen muss gewahrt bleiben. Und das ist in der momentanen Zeit bei ungeimpften Pflegekräften einfach weniger gewährleistet als bei ihren geimpften Kolleg:innen, was inzwischen vielfach wissenschaftlich belegt werden konnte. Pflegebedürftige haben Angst sich anzustecken. Vor allem, wenn sie sich aufgrund von Erkrankungen nicht selbst impfen lassen können. Hier stehen wir vor großen moralischen Fragen und einem Ausblick, uns als Gesellschaft und unsere gemeinsamen Werte insgesamt zu hinterfragen (Auszug aus dem Rückblick Februar 2022).

Vor diesen moralischen Fragen stehen wir immer noch. Im Februar hatten wir es mit dem Zögern von Herrn Söder zu tun, jetzt mit dem einer ganzen Branche, was die Einführung der Impflicht anbetrifft. Im März musste vermehrt über das Thema der Freistellung der nicht geimpften Mitarbeitenden zum 16. März nachgedacht werden. Viele arbeitsrechtliche Fragen, aber auch Fragen der Sicherstellung der pflegerischen und betreuerischen Versorgung in Kliniken und Pflegeeinrichtungen sind bisher immer noch nicht abschließend geklärt. Die Freistellung vieler Mitarbeitenden bringt, neben den darauf im Übrigen auch resultierenden privaten Problemen der freigestellten Mitarbeitenden, ein großes Problem mit sich: das Risiko der Unterversorgung der Pflegebedürftigen.“

Wenn Personal nicht ausreichend in einer Einrichtung vorhanden ist, müssen die Gesundheitsämter vor Ort entscheiden, ob das Personal wirklich freigestellt werden kann, darf und muss. 

„Oder aber, ob die Versorgung, die das Personal in der entsprechenden Anzahl sicherstellen kann, geschützt wird und die Versorgung weiter aufrechterhalten wird. Das ist ein großes Dilemma, in dem wir uns bewegen. Auf der einen Seite sollen durch die Impfung sowohl die Pflegebedürftigen wie auch das Personal selbst geschützt werden. Das heißt, eine Erkrankung oder ein starker Krankheitsverlauf durch das Corona-Virus soll vermieden werden. Auf der anderen Seite würde durch die entsprechende Freistellung des nicht geimpften Personals eine Unterversorgung riskiert werden müssen. Ohne Personal kann ganz einfach die pflegefachliche Versorgung nicht sichergestellt werden.“

Doch wie gewohnt gibt es neben diesen Problemen noch viele weitere (Umsetzungs-) Probleme, die die Impflicht zu einem Problembaum heranwachsen lassen. 

„Ja. Teilweise ist die Durchführung der Impflicht von der Seite der Gesundheitsämter nicht stemmbar, wie die Tagesschau berichtete. Diese müssen den Prozess eigentlich nachhalten, begleiten und festhalten. In deutschen Pflegeeinrichtungen sind noch mehrere Zentausende Mitarbeitende ohne vollständigen Impfschutz. Laut einer SWR-Umfrage haben „mehrere Bundesländer unter Pflegekräften eine Impfquote, die zwischen 84 und 92 Prozent liegt“ (Tagesschau). In Krankenhäusern liegt sie deutlich höher, teilweise bei 95%. Trotzdem können Mitarbeitende ausfallen und der seit Jahrzehnten anhaltende Personalmangel noch spürbarer werden.“

Die also ohnehin chronisch unterbesetzten Gesundheitsämter sind durch die aufkommende Bürokratie stark belastet und kommen der Überprüfung der Impflicht nicht hinterher? 

„So ist es. Somit sind die Einrichtungen je nach Bundesland, Region oder Landkreis hauptsächlich auf sich selbst gestellt. Und das Ganze führt dann dazu, dass die Einrichtungen neben dem stressigen Tagesgeschäft zusätzlich noch mit der zusätzlich anfallenden Bürokratie belastet werden. So haben sich die Kolleginnen und Kollegen des Pflegemanagements diese ganze Umsetzung sicherlich nicht vorgestellt. 

Mitarbeitende, die sich bisher nicht haben impfen lassen (können), müssen außerdem prüfen, wie es für sie selbst nun innerhalb der Einrichtung oder auch innerhalb der Branche grundsätzlich weitergeht. Die Impfpflicht ist für einige Mitarbeitende schon auch ein Grund gewesen, die Pflegebranche zu verlassen und sich ein neues Tätigkeitsfeld zu suchen, zum Beispiel im Einzelhandel. Und das sogar ganz erfolgreich, wie ich in meinem Netzwerk kürzlich erfahren habe. 

Doch die Impflicht führt nicht allein zu einem hohen Personalausfall, richtig? 

„Es gibt in der Tat weitere Faktoren für Personalausfälle in der Pflege. Und das führt uns zu unserem zweiten Highlight im Kontext des häufig beklagten Pflegepersonalmangels: Der Entwicklung krankheitsbedingter Personalausfälle. Eine Blitzumfrage des DKI vom 14. und 15. März 2022 zeigt, dass rund 90% der Krankenhäuser aktuell höhere Personalausfälle in ihren patientennahen Bereichen als sonst um diese Zeit üblich haben. Am stärksten betroffen von krankheitsbedingten Ausfällen ist der Pflegedienst. Auf der einen Seite haben wir also die einrichtungsbezogene Impflicht, bei der es um die Gesunderhaltung und den Infektionsschutz geht und auf der anderen Seite haben wir teils stetig steigende krankheitsbedingte Ausfälle in den Pflegediensten zu beklagen. Letzteres ist jedoch in der ganzen Diskussion um die einrichtungsbezogene Impfpflicht zu kurz gekommen.“

Höhere Krankheitsausfälle haben sicherlich etwas mit den höheren Belastungen während der Corona Pandemie zu tun. 

„Auf jeden Fall. Es gibt aber bisher keine wirklich wirksamen Maßnahmen, um diese Arbeitsbelastung zu entzerren, eine Entlastung herbeizuführen und krankheitsbedingte Ausfälle zu reduzieren – zumindest ist mir nichts weitreichendes bekannt. Das Einzige, was bisher politisch in Betracht gezogen wurde, ist der sogenannte Pflegebonus in Form einer einmaligen Prämienzahlung für Pflegekräfte auf Stationen mit Covid-19 Patienten. Das wiederum bedeutet, dass augenscheinlich nur über einen monetären Anreiz Entlastung herbeigeführt werden soll. Aber die physischen und psychischen Entlastungen können damit nicht wirklich herbeigeführt werden. Diese Maßnahme ist nicht nachhaltig gedacht. Man kann damit keinen Effekt hervorrufen, der die Zahlen auch wirklich reduziert, sodass weniger Mitarbeitende ausfallen. Das ist mit einem Bonus wirklich nur kurzzeitig erreicht und schafft eben nicht die nachhaltige Wirkung, die in einer immer noch andauernden Pandemie allerdings erforderlich wäre.

Jetzt braucht es mittelfristig höhere und bessere Gehaltsstrukturen, die deutlich über das hinaus gehen, was entsprechend der tariflichen Entlohnung bzw. tarifähnlicher Entlohnung derzeit im Gespräch und möglich ist. Dazu gehört aber auch eine gewisse Berufsautonomie der Pflegefachpersonen. Wie kann zum Beispiel zukünftig die Berufsautonomie gestärkt werden, um besser in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen Entscheidungen treffen zu können, die eine subjektive Entlastung für alle Pflegefachpersonen bieten kann. Wir brauchen einen Ausblick, der den Berufsstand an sich stärken könnte. Andere Gehaltsstrukturen und Berufsautonomien werden hierbei die Hauptrolle spielen. 

Und zum Schluss ein kleiner Gedankenanreiz: Führen diese Überlegungen nicht wiederum hin zu einer Entwicklung, die eine Stärkung der Selbstverwaltungsstrukturen der Pflegebranche anstößt und auch benötigt?

Lesen Sie auch gerne unsere bisherigen Rückblicke aus dem Januar und Februar 2022. Verfolgen Sie mit uns zusammen das gesamte Jahr 2022 aus Sicht der Pflegebranche.