Sie erreichen die Pflegepioniere ab sofort unter: 0441-55978080

04
Mai
Autor:
Josephine Dinkelbach
Allgemein

Rückblick April: Spezial Altenpflegemesse 2022

Unser Highlight des Monats April ist natürlich ganz klar die ALTENPFLEGE 2022. Diese liegt hinter uns und mit ihr drei Tage Netzwerken, Wissensaustausch und angeregte Diskussionen. Zweimal wurden die Pflegepioniere auf die „ALTENPFLEGE on stage“-Bühne der Messe eingeladen. 

Christian Vaske berichtete am 27.04.2022 mit Johannes Zenkert (Uni Siegen) und Christine Becker (Salutoconsult) zum Themenkomplex der Versorgung im Quartier.

Im Vortrag „Digitalisierung in der pflegerischen Versorgung – an den Schnittstellen zu Beratung und Wohnen, Gesundheit und Medizin“ wurden unser Projekt „TELAV – Televersorgung im Landkreis Vechta“ in Kombination mit dem Partnerprojekt „LOKAL Digital“ der Stadt Netphen vorgestellt und diskutiert. Dabei ging es insbesondere auch um die Synergien, die sich zwischen den beiden Projekten ergeben und wie diese genutzt werden können.

Podiumsdiskussion “New Work in der Pflege”

Am 26.04. vertrat Annemarie Fajardo die Pioniere bei der Podiumsdiskussion „New Work in der Pflege“. Moderiert wurde die Diskussion von Matthias Ehbrecht, Care Invest. Weitere Diskussionsteilnehmende waren mit einem Impulsvortrag direkt zu Beginn des Panels Magdalena Rogel von Microsoft, Thomas Weiß (DSG) und eine kurzfristig eingesprungene Kollegin von Dr. Dustin Feld (adutabyte). 

Lindera und das Vincentz-Network initiierten dieses Panel, weil sie der Meinung sind, dass es einen ganz anderen Ansatz benötigt, wenn wir über Digitalisierung und New Work in der Pflege sprechen. Die Podiumsdiskussion stand unter der Fragestellung: New Work: Der Weg in eine bessere Pflegewelt!? Wie sieht Neues Arbeiten in der Pflege aus, wenn wir die alten Zöpfe radikal abschneiden? Wie lässt sich New Work in der Pflege systematisch neu denken? Über diese und andere Fragen wurde gemeinsam praxisnah diskutiert.

Wir befinden uns hier in unserer Rubrik des Monatsrückblicks mit Annemarie: Deshalb fragen wir uns an dieser Stelle, wie sie die Podiumsdiskussion im Nachhinein reflektiert? 

Annemarie, welche Gedanken nimmst du mit? 

Annemarie: Wenn man Digitalisierung ein wenig außen vorlässt und nur das Thema New Work in der Pflege in den Fokus rückt, dann könnten wir die Thematik aus der Perspektive der Berufstätigen beleuchten, also derjenigen, die beruflich pflegend sind (Pflegende, Betreuungskräfte, aber auch alle weiteren Berufsgruppen in den Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten). Was bedeutet es für sie, wenn man New Work anwenden würde und Arbeitsumstände neu denkt: mit welchen Werten beschäftigten wir uns dann? Also welche Werte bestimmen die Arbeit pflegender Menschen? Dies sind vor allem Fürsorge, Hilfsbereitschaft, Respekt gegenüber demjenigen der Respekt, Unterstützung und Hilfe benötigt und ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion vermehrt fiel, Diversität. 

Wenn wir Pflegetätigkeiten anders beleuchteten, dann würden wir eigentlich sagen: „Es braucht ein neues Narrativ“, weil wir als gesamte Gesellschaft gefragt sind. Bei der Umstrukturierung der Arbeitsumstände einer Berufsgruppe ist im ersten Schritt also nicht sie selbst, auch nicht das einzelne Unternehmen gefragt, neue Arbeitsansätze umzusetzen. Es ist in erster Linie die Gesellschaft als Ganzes gefragt, denn es geht um die Gesundheitsfürsorgeund Daseinsvorsorge von Menschen mit Hilfs- und Pflegebedarf. Und das geht in erster Linie uns alle etwas an. Nicht nur die einzelne Beschäftigte oder das einzelne Unternehmen. Erst dann würde die Berufsgruppe der Pflegenden und die Akteure bzw. Unternehmen in diesem Bereich zum aktiven Zug kommen, das Ganze umzusetzen. Aber erst muss man sich die Gesellschaftsfrage stellen. Was wollen wir selber an Ideen und Gestaltungskompetenzen einbringen, um diese Systeme, in denen wir uns bewegen, zu verbessern und diese Lücken, die wir haben aufzufüllen? Wir haben viele Lücken und Themen, die es zu lösen gilt; Stichwort Pflegenotstand und Fachkräftemangel. Wenn wir uns die Gesellschaftsfrage stellen, dann müssen wir uns folgende Fragen stellen: Wie wollen wir eigentlich altern? Und wie wollen wir eine Gesundheitsfürsorge und Daseinsvorsorge selbst eigentlich erleben – wenn wir im häuslichen Setting erkranken und/ oder wenn wir pflegebedürftig sind – wer hilft uns denn dann? Das ist eine Frage, die sich auch jede:r stellen muss, der (zum Glück) noch nicht krank gewesen ist. Aber wer tut das? Und wer spricht mit der Gesellschaft? Sprechen wir dann mit uns selbst und klären uns gegenseitig auf, was wir für eine Lebensqualität eigentlich erreichen wollen, wenn wir alt und/ oder krank sind?

Annemarie, was wäre denn deine Idealvorstellung einer Messe, wenn wir nicht immer über das reden müssten, was wir eigentlich schon immer ändern wollten? Hast du da einen konkreten Ansatz für unsere Leser:innen?

Annemarie: Ideal wäre es, wenn wir im nächsten Jahr wieder auf der Altenpflegemesse zusammenkommen und schon über erste Ergebnisse sprechen könnten und nicht, wie wir das häufig von Messen oder Kongressen kennen, das gleiche Gespräch im nächsten Jahr wieder zu führen. Also wenn zwischen den Treffen auf der Altenpflegemesse Projekte initiiert werden. Wenn wir sehen: Ah, da sind vielversprechende Modellprojekte an den Start gegangen. Sie könnten schon Antworten auf die diesjährigen Fragen geben. Und das bedeutet ja auch, dass man, wenn man solche Ergebnisse vorstellen kann, sagt: jetzt gehen wir auf die Politik zu und zeigen, wie es gehen kann.

Was ist denn die Aufgabe der Politik, wenn sie darauf reagieren soll? Das sind aktuell immer noch offene Fragen. Zu den politischen Aufgaben gehört es aber, die entsprechende rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wir auch innerhalb unseres Gesundheitssystems in die Lage versetzt werden können, das, was wir erreichen wollen, wie etwa eine gute Lebensqualität im Alter, auch wirklich erreichen zu können.

Eine weitere Fragestellung, die Thema der Diskussion war: Welche Führungskompetenzen braucht es, um Mitarbeitende bei den digitalen Änderungsprozessen mitzunehmen?

Um sie bei den Prozessen zu begleiten, Ängste zu nehmen, Hürden zu überwinden und Entlastung herbeizuführen. Mitarbeitende meinen inzwischen sehr oft: „Das Wort Digitalisierung kann ich nicht mehr hören“ oder auch „Die Softwarelösung geht gar nicht“ – wenn Mitarbeitende das sagen, was machen dann Führungskräfte? Wie müssen sie dann darauf reagieren? Deutlich wird, dass auch eine Führungsperson erstmal eine Bereitschaft haben muss, Strukturen und Prozesse im Betrieb zu verändern. Gerade, weil in der Pflege sehr intensiv Beziehungsarbeit geleistet wird, die die Pflegedienstleister administrieren, verwalten und dokumentieren müssen, ist selbstverständlich jede Veränderung in Richtung Digitalisierung oder New Work sehr gut vorzubereiten und entsprechend zu kommunizieren. Diese administrative Arbeit schluckt so viel Zeit, dass der Kernbereich der Beziehungsarbeit zwischen Klient:in und Pfleger:in so weit von dem eigentlichen Kernbereich, den wir als Beziehungsarbeit verstehen, abgelagert wird, dass wiederum eigentlich nur eine digitalisierte Arbeit hier helfen kann, New Work Strukturen zu integrieren. Und das müssen Führungspersonen schon aus Überzeugung umsetzen wollen. Damit man wirklich Zeit für Gespräche und Beziehungsarbeit hat und der pflegebedürftige Mensch nicht zu kurz kommt. Und alles Weitere, was durch die Digitalisierung ausgelagert wird, sind Administrationsprozesse, die die Arbeit ganz sicher in einigen Teilbereichen tatsächlich entlasten können.

Der gesellschaftliche Auftrag bei New Work und Digitalisierungs-Strukturen ist, dass wir demnach humanitäre Dienstleistungen sicherstellen müssen. Als Mensch für den Menschen arbeiten. Und um als Gesellschaft für die Gesellschaft da zu sein. Daseinsvorsorge eben. Nicht mehr und nicht weniger.